Die Welt steht lichterloh in Flammen, aber Entwarnung naht. Pantone hat die Farbe des Jahres 2026 gekürt: Weiß. Also nicht dieses schlichte, altmodische Weiß, sondern „Cloud Dancer“. Ein Weiß, das tanzt, während ringsum die Nachrichten stolpern. Man muss sich das vorstellen wie einen meditativen Nebel, der alles einhüllt – vor allem die Realität.
Dieses Weiß ist laut Pantone „wogend“ und von „Gelassenheit“ durchzogen. Früher nannte man so etwas Wandfarbe. Heute ist es eine Haltung. Die Poesie hat den Ort gewechselt: weg von den Dichtern, hinein in die Marketingabteilungen. Alpina hatte schon „Hüterinnen der Freiheit“, Pantone liefert nun mit der Nummer 11-4201 ein „erhabenes Weiß“, das uns beruhigen soll. Offenbar ist das Pantone Color Institute eine Art Weltgesundheitsorganisation, nur ohne Wartezeiten.
Zugegeben: Die letzten Farbjahre – Mocha Mousse und Pfirsichflaum – haben unser Leben nicht messbar verbessert. Die Welt wurde weder gemütlicher noch fruchtiger. Aber Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Diesmal stirbt sie eben in Weiß.
Vielleicht ist das alles Ausdruck eines neuen Schwarz-Weiß-Denkens: Schwarz ist schlecht, Weiß soll’s richten. Und vielleicht geht es am Ende gar nicht um Farbe, sondern um Sehnsucht: nach weißen Weihnachten, einer sauberen Fläche, einer Tabula rasa, auf der man nichts mehr erklären muss. Ein bisschen Weltflucht im Baumarktformat. Oder, wie Kasimir Malewitsch es schöner sagte: ein weißer Abgrund. Klingt gefährlich – ist aber erstaunlich beruhigend.
– Beate Sinn –





